Autor Nicolá besucht mit Reto und Isabelle einen Kurs dazu, wie wir hoffnungslos glücklich durch die Krise kommen – und endet in mehr Verbundenheit, als ihm eigentlich lieb ist. 

Der Baum 
Die grosse Eiche ragt gross vor mir auf. Der erste Ast steht hoch über den Boden. Hoch – aber gerade so erreichbar, zumindest für einen Baukletterexperten wie mich. Ich hole Anlauf, renne geschmeidig den Stamm hoch, packe souverän den Ast, und… – Knacks. Danebengegriffen, abgestürzt, umgeknickt. Okay. Das war’s. Der Kurstag ist für heute gelaufen (pun intended). Drei Mitstreiter:innen evakuieren mich mit einem Fahrrad aus dem Stadtpark. Die nächsten Stunden verbringe ich in der charmanten Nürnberger Notaufnahme.
 


Bild: Autor Nicolá zusammen mit Naturkloster-Mitstreiter Reto im Rollstuhl-Dienst (dankää)

 

Die Hoffnung
Dabei wollte ich doch nur kurz im Stadtpark rumturnen um den Kopf freizukriegen! Hinter mir liegt nämlich das ‚Mandala der Wahrheit‘ – das emotional intensive Herzstück eines Vier-Tage-Seminars zu ‚Active Hope‘ hier mit Kursleiterin Gabi Bott, in Nürnberg, Deutschland. 
Aktive Hoffnung, was soll denn das sein?
Na, zuerst die Gretchenfrage: wie hast es denn DU mit der Hoffnung? Hand aufs Herz, die wenigsten von uns spüren sie noch. Oder tänzelst DU etwa grad mit einem Smile, Swing und einem offenen Herzen durch den Systemkollaps? Bitte erzähl mir dein Geheimnis, du Apokalypsen-Guru! Aber jetzt für uns Normalsterblichen: Die allermeisten finden’s grad einigermassen schwierig, zwischen all den News von Trump, Gaza und Klimakollaps nicht zu verzweifeln, zu resignieren und zynisch zu werden. 

Dieser Text ist für euch. 

 

Der Ausweg
Denn was, wenn es einen Ausweg gibt? Einen Weg, der Verzweiflung zu begegnen, ohne darin verloren zu gehen? Um stattdessen gemeinsam hindurchzugehen und neue Kraft zu schöpfen? Einen Weg, um trotz aller Widrigkeiten wieder ins Handeln zu kommen? Einen Weg, der uns an einen ganz unvorstellbaren Ort bringt? An einen Ort Jenseits der Hoffnung?

Genau darum dreht sich das Lebenswerk der Zen-Meisterin und Tiefenökologin Joanna Macy, welche am 19. Juli 2025 von uns gegangen ist. Ihr Weg zurück in die Lebendigkeit ist jahrzehntelang erprobt, und er ist eigentlich ziemlich «straight forward». Erst muss jedoch ein gefährliches Missverständnis aus dem Weg geräumt werden. Und dann… braucht’s noch eine Geheimzutat. Doch zuerst mal: Was soll das sein, Tiefenökologie?

 

Die Tiefe
Die Tiefenökolog:innen wie Joanna Macy sind überzeugt, dass wir und die Natur Eins sind. Wir sind mit der Erde aufs Tiefste verbunden – eingewoben in ein Geflecht von wechselseitigen Beziehungen. Man denke ans ‚Wood Wibe Web‘, wo uns die Wissenschaft klar zeigt, wie Bäume, Pilze, Bakterien, ja eigentlich alle Lebewesen, konstant miteinander kommunizieren und interagieren. 
Und: wir sind laut der Tiefenökologie noch tiefer verbunden, auf mehr als materielle Weise. Wir spüren die brennenden Wälder nicht einzig wegen dem Rauch in unseren Lungen oder den verminderten ‚Ökosystemdienstleistungen‘.  Nein, wir spüren den Brand auch als emotionellen, als seelischen Schmerz. Die Psychologie findet dafür seit Neustem auch Worte wie ‚Eco Anxiety‘ oder ‚Solastalgie‘ – dem Schmerz über den Verlust von geliebten Landschaften. Indigene Völker und Weisheitstraditionen aus der ganzen Welt wissen von dieser Verbundenheit jedoch schon seit Jahrmillionen. So bringt es etwa Zen-Meister Thich Nhat Hanh auf den Punkt: «The suffering that you feel is the suffering of mother earth.» 

 

Die Arbeit
Okay, da gibt es also den Schmerz der Welt, und der zeigt sich in uns. Und jetzt? Zen-Meisterin und Tiefenökologin Joanna Macy entwickelte ihre Arbeit aus einer persönlichen Krise heraus. Was heute unter «The Work that Reconnects» bekannt ist, war ihre Antwort auf eine tiefe Verzweiflung. Ausgelöst wurde ihr Schmerz durch die ersten grossen Umweltkrisen um 1970 sowie durch die nukleare Aufrüstung. Sie suchte Gleichgesinnte, um mit diesen Gefühlen nicht alleine zu sein. Zunächst nannte sie diese Arbeit auch ‚Despair Work‘. Wie unsere Kursleiterin Gabi Bott schmunzelnd erklärt, habe sich der Begriff allerdings als nicht besonders öffentlichkeitswirksam erwiesen. Deshalb reden wir nun von der «Arbeit, die wiederverbindet». Ok, immer noch kein besonders eleganter Begriff. Aber statt dem Schmerz steht das erwünschte Resultat im Zentrum: Wiederverbindung – zu unseren Gefühlen, unseren Mitmenschen, der ganzen Welt. Doch wie der Name suggeriert, müssen wir für diese herbeigesehnte Verbundenheit arbeiten. Wir müssen aktiv werden. Wir müssen den Sprung über die Klippe wagen.

 

Das Missverständnis
Aber ja, Klippenspringen ist… scary. Viele Menschen haben Angst, ihre tiefsten Gefühle zuzulassen. Wer ins Dunkle steigt, wer da wirklich reinfühlt, sich dem Schmerz ganz hingibt – der wird doch deprimiert! Ob also eigene Pein oder Weltenschmerz, lieber verdrängen und kompensieren wir unsere Trübsal durch Ablenkung oder (Medien-)Konsum. Und, ertappt, eben manchmal auch durch verzweifelten Aktivismus. 
Nur: beides bringt uns höchstwahrscheinlich nicht in eine goldene Zukunft. Doch was ist die Alternative zum Wegrennen? 
«The way out is in», sagte Zen-Meister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh. Wir sollen reinfühlen, nicht rausdissozieren. Dem Schmerz achtsam begegnen, gar mitfühlend. Dann transformiere sich das Leid. Nur dann. 
Aber unsere Angst vor der Depression? Gabi Bott meint: «da ist oft eine Angst, dass unter dem Schmerz nichts anderes ist». Ein kaltes, sinn- und teilnahmsloses Universum lauere da, so geht die herrschende Geschichte unserer Zeit. Aber was, wenn wir das mit der Depression ganz verkehrt verstanden haben? Was, wenn Depression nicht das Resultat davon ist, dass wir zuviel Leid spüren? Sondern wenn die Depression genau dann kommt, wenn wir zuwenig fühlen wollen? Weil wir den Schmerz verdrängen, uns davon abschneiden – und uns dabei eben auch von unserer Verbundenheit verabschieden? 
Was, wenn unter dem Schmerz nicht nicht die Leere lauert – sondern die Liebe?

 

Die Geheimzutat
Uff, jetzt kommt der auch noch mit der Liebe, was für einen Eso-Gugus lese ich denn da? Etwas Geduld, geschätzte Lesenden! Hier kommt nämlich die geheime Zutat ins Spiel. Wer sie hat, wird merken, dass der Schmarrn mit dem teilnahmslosen Universum nicht ganz wahr sein kann. Da sind Joanna Macy, Gabi Bott und viele andere Pionier:innen und Elders aus der ganzen Welt überzeugt. Und diese geheime Zutat, sorry fürs Teasen, ich kann nicht anders, die geheime Zutat ist… Trommelwirbel… Vertrauen. 
Vertrauen? Jetzt no panic, ich meine kein bombenfestes, krisenresistentes, zu 134% vor- und rückversichertes Urvertrauen. Das wurde mir und den meisten meiner Generation nunmal einfach nicht mit in die Wiege gelegt. Aber eben, so einen Hauch Vertrauen braucht’s doch, eventuell noch eine Prise Mut. Und vielleicht reicht fürs erste auch schon ein Quäntchen Zweifel an der ach so überzeugenden Story vom sinnfreien, lieblosen Universum. Eigentlich braucht es vor allem die Bereitschaft, dich einzulassen – trotz aller Zweifel und Eso-Allergie. Du musst rein gar nichts glauben. Aber du musst es versuchen. Du musst es mit dem eigenen Leib erleben. Nicht nur denken. Fühlen! 
 


Bild: Mandala der Wahrheit. Trauer (Blätter), Leere/Ohnmacht (Klangschale), Angst (Stein), Wut (Stock) – plus ein Feld in der Mitte für alles, was sonst noch gehört werden will. 

 

Der Sprung
Also, springen wir. Im «Mandala der Wahrheit» konfrontieren wir uns bewusst mit dem Wissen, das wir sowieso in unseren Köpfen tragen. Wir lupfen den Emotions-Deckel und lassen raus, was raus will. Die Gefühle sollen aufkommen und dann runtersinken, ganz in den Körper rein. 
Für dieses Ritual sitzen wir im Kreis, und wenn du den Impuls hast, gehst du in die Mitte. Da erhältst du die volle Aufmerksamkeit der Gruppe und darfst alles fühlen, was sich zeigt – Trauer, Angst, Wut, Ohnmacht. Der Kreis sitzt und lauscht, still und mitfühlend. Vieles bewegt sich, kaum ein Auge bleibt trocken. Jemand zittert und schluchzt nur, andere sind gefasster, am Erzählen. Jedes Teilen ist einzigartig. Ich etwa komme kaum ins Fühlen, mein Nervensystem lässt den Deckel drauf. Nicht das Nichts passieren würde – auch Freeze und Dissoziation gehören zum Gesamtspektrum des Erlebens. Geduldig angenommen und bezeugt von den wohlwollenden Augen der Gruppe verlieren die verdrängten Emotionen ihren Schrecken. «Wir hören dich», sagt der Kreis nach jedem Teilen. Die Botschaft: Du bist nicht alleine! Egal, was du fühlst, es ist okay, es ist gut, gesund, normal. Der einsame Schmerz fliesst so zurück ins grosse Ganze, ist gehalten. Und durch die Tränen schimmert allmählich durch, was hinter dem Schmerz eigentlich steht: die Liebe zur Welt.  Jamie Anderson sagte dazu ergreifend schlicht: «Grief is love with nowhere to go». Trauer ist nur Liebe, die nirgendwo hinkann. 


Der Beckenrand
Einen Sprung in die Tiefe braucht also den sicheren Beckenrand – die Gruppe. Und mit Gabi Bott steht eine mit allen Wassern gewaschene Badmeisterin daneben und hält den Raum. So legt sie uns am Schluss auch ans Herz, die Macht dieses Rituals nicht zu unterschätzen. Da könne auch mal ganz schön was hochkommen, gar aus dem Ruder laufen. Es gilt deshalb, den richtigen Container dafür zu schaffen. Besonders die Eigenverantwortung betont Gabi – niemand solle die Verantwortung an die Leitung abgeben. 
Ganz wichtig ist für «The Work That Reconnects» und insbesondere das «Mandala der Wahrheit» die Vor- und Nachbereitung. Eine Verankerung in Dankbarkeit sowie nährende Gruppen-Erlebnisse im schönen Garten helfen dabei. In Verbundenheit mit Natur, Gruppe und der «Tiefen Zeit» lässt sich deutlich einfacher in den Abgrund blicken. Eine besonders eindrückliche Meditation führt uns etwa zurück zu den Ursprüngen der Menschheit. Wir erleben, was unsere lange, ununterbrochene (!), Reihe von Vorfahr:innen bereits alles durchgestanden hat: Kriege, Seuchen, Hunger, Hexenverbrennung – alles haben sie überlebt, sonst wärst du heute nicht hier! Wir öffnen uns dabei für all die Gaben (und Lasten...), welche unsere Ahn:innen dafür brauchten: Kraft, Resilienz, Kreativität – und so vieles mehr. Der Blick weitet sich so für die Macht des Lebens und den ganz grossen Lauf der Dinge. 


Bild: Blick auf den prächtigen Garten des jesuitischen „Ukama – Zentrum für Sozial-Ökologische Transformation»
 

Die Verbundenheit
Zurück aus der Notaufnahme erlebe ich gleich total viel Verbundenheit. Nur leider die der ungewollten Art: mit eingepacktem Fuss humple ich durchs (treppenreiche) Seminarhaus. Doch die Verbundenheit der ersehnten Art lässt nicht lange auf sich warten: Eine inkognito-Ärztin gibt sich zu erkennen und gibt mir ihre hilfreichen Ratschläge. Eine Teilnehmerin aus der Umgebung fährt extra nach Hause und organisiert mir Krücken – und bringt gleich noch Kuchen für alle. Der flotte Seminarhaus-Leiter macht beschwingt den Taxidienst zum Bahnhof. Es regnet geradezu mitfühlende Nachfragen und Freundschaftsdienste! 


Bild: Kursteilnehmende im Ukama Zentrum, man bemerke die erhöhte Verbundenheit des Autoren. 

All diese vor zwei Tagen noch völlig Unbekannten tun dies mit einer ganz ungewohnten Zugewandtheit, mit Herzoffenheit – gar mit Liebe. Ich, mein Humpelfuss und die ganze Gruppe erleben ganz unmittelbar, wie uns der Prozess bereits innert kürzester Zeit nähergebracht, zusammengeschweißt, ja, verbundener gemacht hat. Dieses Versprechen haben Gabi, Joanna und «Die Arbeit, die wiederverbindet» also voll und ganz eingelöst. 
Ich und meine zwei Mitstreiter:innen gehen (hinken) sodann inspiriert, beschenkt und hoffnungslos vertrauend richtung Hause. Klar, die Welt haben wir noch nicht gerettet.

Aber eben doch ein kleines Bisschen.